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Zeitgemässe oder zukunftsfähige Bildung?

«Digitale Bildung» wird dank Blogposts und Tweets von Dejan Mihajlović zu «zeitgemässer Bildung». Damit wird nicht nur ein Begriff neu geprägt, damit wird die Diskussion rund um digitale Bildung auf eine höhere Ebene gehoben.

 

Es soll nicht mehr nur um die Technik gehen, die beim Lehren und Lernen eingesetzt wird, sondern vor allem um die Bildung an sich und was gute Bildung sein soll.

 

Wie kann diese Diskussion helfen, herauszufinden, was eine zeitgemässe naturbezogene Umweltbildung ist?

Zeitgemässe Bildung - ein Einstieg aus dem Netz

Als guter Einstieg zur Herkunft und rund um die Diskussion von zeitgemässer Bildung dient der Podcast zu «Warum ist #zeitgemässe Bildung wichtiger als #digitale Bildung?» von Jöran Muuß-Merholz mit Dejan Mihajlović. (1h23min, 5. Oktober 2017)

 

Wer lieber liest, findet die Infos auch in einem Blogartikel von Dejan, wo er den Begriff einführt, erklärt und erläutert, warum er sich breite und vertiefte öffentliche Debatten dazu wünscht. Oder im Interview mit Dejan zu "Was ist zeitgemässe Bildung?", in dem er seinen Ansatz nochmals ausführt.

 

Dejan ist Lehrer an der Pestalozzi Realschule in Freiburg im Breisgau. Er unterrichtet Chemie, Geschichte, Mathematik und Ethik. Er schreibt sehr viel ins Internet, vor allem in seinem Blog, auf Twitter und auf Facebook.


Was ist zeitgemässe Bildung also genau?

«Digitale Bildung» traf nicht den Kern von dem, was verschiedene – eher reformistisch ausgerichtete - Bildungsfachleute diskutieren wollten. «Zeitgemässe Bildung» war ein Versuch, den nicht befriedigenden Begriff durch einen besseren zu ersetzen.

 

(Übrigens, spannend wie sich im Netz die Diskussion rund um das Framing der Begriffe #digitaleBildung, #digitalesLernen oder #digitaleSchule nachverfolgen lässt und wie da auch Schweizer (ja, va. Männer) tüchtig mitgemischt haben (Beat Doebeli, Philippe Wampfler) und die Diskussion weitertreiben (auch hier nochmals Philippe Wampfler)).

 

Es sollte in der Diskussion also weniger um Technik und Tools, um verschiedene Hardware und die geeignetsten Lernmanagementsysteme in Schulen gehen, als vielmehr darum, wie gute Bildung unter den Bedingungen der Digitalität (vgl. dazu auch den letzten Blogpost zum Thema) aussehen könnte. Zeitgemässe Bildung soll verhindern, «dass notwendige Neuerungen in der Bildung, bedingt durch den digitalen Wandel, gedanklich auf ein digitales Add-on reduziert werden. … Ich glaube, dass es einen anderen Begriff benötigt, der zum Denken im grossen Ganzen anregt.» (Dejan Mihajlović). Damit das gelingt, soll zeitgemässe Bildung

 

  • einen nie endenden Entwicklungsprozess beschreiben

  • sich an aktuellen Herausforderungen messen

  • für eine Gesamtbetrachtung stehen

  • immer wieder Reflexion einfordern

  • (und uns das Bildung 2.0, 4.0 und x.0 ersparen)

 

Damit haben wir doch eine (generische) Aufzählung, die auch der Umweltbildung helfen kann, unsere Vorstellungen von guter, zeitgemässer, zukunftsfähiger Bildung zu überprüfen und zu diskutieren (also bis auf den letzten Punkt ). Wir können diesen Algorithmus wunderbar anwenden um unsere Methodik der Naturbezogenen Umweltbildung weiterzuentwickeln und fit zu machen für das 21. Jahrhundert. (Die Überprüfung der SILVIVA Methodik passiert übrigens regelmässig, und ihr dürft gerne mitmachen. Feedbacks werden gerne laufend angenommen und periodisch eingearbeitet und veröffentlicht.)

Zeitgemässe Bildung noch etwas genauer?

Wenn ich richtig verstanden habe, dann gibt Dejan keine fixe Definition, ganz nach den Kriterien von Open Source oder OER (Open Educational Resources): Der Begriff soll helfen die Diskussion zu führen und kann umdefiniert, angepasst und va. ergänzt und geschärft werden. Folgende Aspekte lese ich aus dem Blogbeitrag Dejan heraus:

 

Zeitgemässe Bildung…

  • orientiert und reflektiert sich immer wieder neu an Herausforderungen gesellschaftlicher Entwicklung

  • sucht ein neues Lehr- und Lernverständnis

  • sieht Lernen als lebenslanger Prozess

  • sieht Lernen nicht an Zeit und Ort gebunden

  • findet in einem persönlichen Lernnetzwerk statt

  • ist Lernen nach dem 4K-Modell

  • unterscheidet nicht zwischen einzelnen Fächern, Klassen, Schularten oder formaler und non-formaler Bildung

  • gibt dem Web eine bedeutende Funktion

  • ermöglicht ein Wechsel der Rolle des Lehrenden und Lernenden (hoffentlich schaffe ich bald einen Blog zur Methode «Flipped Classroom»)

  • braucht Räume für Lernprozesse mit Versuch und Irrtum

  • braucht Räume, um neue Konzepte zu entwickeln oder Projekte durchzuführen

  • braucht neue Prüfungsformate und Bewertungsansätze, um diese Räume zu ermöglichen.

Das sind ganz viele Punkte, die ich auch für die NUB für wegweisend halte. Ich freue mich auf unsere Diskussionen darüber. Im Anschluss zur Begriffsschärfung verlangt Dejan zwar etwas viel von seinem neuen Begriff:

 

«Zeitgemässe Bildung leitet eine Epoche der zweiten Aufklärung ein und strebt eine Mündigkeit an, die unsere Gesellschaft aus der Beobachterstellung befreit und zur Mitgestaltung des digitalen Wandels befähigt. Beginnen wir damit.»

 

Aber mit dem Ziel einer nachhaltigen Gesellschaft und einer echten BNE, finde ich den Aufruf durchaus auch für uns NUBler angemessen. (Die Strategie ist sowohl als auch: «digital» ersetzen durch «zukunftsfähig» und dabei digital mitmeinen).

 

Ob wir neue Aufklärung einleiten, weiss ich nicht, aber wir können uns erst einmal überlegen, was das für die NUB bedeutet. An welche der obigen Punkte können, müssen, sollen wir uns für die NUB orientieren? Ganz nach der digitalen Kultur des Remixens können wir hilfreiche und passende Kriterien übernehmen und für unseren Gebrauch in der NUB anpassen. Wir integrieren neueste Erkenntnis aus der Bildungsforschung und ergänzen sie mit unseren Realitäten und Erfahrungen und diskutieren, wie zeitgemässe NUB aussehen muss und wie wir dahin kommen können.

Und was könnte jetzt zeitgemässe NUB sein?

 Ich bin der Meinung, dass gute NUB auch zeitgemässe Bildung sein muss… Benutzen wir die Claims für zeigemässe Bildung als Raster für eine Qualitätsmessung der NUB und schauen was rauskommt.

 

 

Zeitgemässe Bildung nach Dejan…

 

 

Christian fragt dazu, ob NUB dann auch zeitgemässe Bildung sein kann:

 


beschreibt einen nie endenden Entwicklungsprozess

 

In der SILVIVA Methodik ist die kritische Reflexion prominent vorhanden. Wir wollen das auch leben, integrieren unsere Erfahrungen aus allen unseren Aktivitäten in die regelmässig angepasste Methodik.


misst sich an aktuellen Herausforderungen

Ich denke, bezüglich Klimakrise und Biodiversitätsverlust hat hätte muss die NUB einiges zu bieten. Das sich messen lassen geschieht jeweils an der konkreten Umsetzung. Trägt also die NUB in genügendem Masse dazu bei, Klimawandel und Biodiversitätsverlust zu bekämpfen?


steht für eine Gesamtbetrachtung

Unbedingt! Gute NUB ist BNE und diese «BNE basiert [laut éducation21] auf einem gesamtheitlichen, systemischen Verständnis der Welt und thematisiert Zusammenhänge, wechselseitige Abhängigkeiten, aber auch Grenzen im Spannungsfeld von Umwelt, Wirtschaft, Gesellschaft und Individuum». Dies gilt insbesondere, wenn man vom Modell der starken Nachhaltigkeit ausgeht.


fordert immer wieder Reflexion ein

vgl. oben (Entwicklungsprozess), ich denke die Reflexion muss in den Entwicklungsprozess münden.


sucht ein neues Lehr- und Lernverständnis

Das ist mir ein etwas unklares Kriterium. «Neu» im Vergleich zu was? Dieses Kriterium könnte ev. uns NUBlern helfen, zu verstehen, dass auch viele digitale Bildungsexperten durchaus als Reformpädagogen unterwegs sind.


sieht Lernen als lebenslangen Prozess

Das sehe ich auch so. Nur muss ich selbstkritisch fragen, wen begleitet NUB ein Leben lang? Die Erfahrungen sind ziemlich eindeutig, naturbezogene Bildungsangebote nehmen in der Schule mit dem Alter der SuS ab. In beruflicher Weiterbildung werden nur Exoten draussen unterrichtet. Und in persönlichen / privaten Weiterbildungen werden naturbezogene Angebote wohl immer wichtiger, aber wir sprechen da von einer kleinen Nische (mindestens im Vergleich mit (digitalen) Angeboten zu Digitalthemen). Immerhin ein riesen Potenzial…


sieht Lernen nicht an Zeit und Ort gebunden

Ein grosses Feld… die Situationsbezogenheit ist meines Erachtens eine ganz grosse Stärke der NUB. Man lernt in, mit und über die Natur und zwar am besten das, was gerade zu diesem Zeitpunkt vorhanden ist und passiert. So gesehen ist NUB «Zeit und Ort gebunden». Gleichzeitig kann man ganz viele Kompetenzen in irgendeinem Wald fördern, oder viel naturbezogene Themen an irgendeinem Bach diskutieren.

Bei diesem Kriterium ist wohl auch zu diskutieren, dass Lernen in und mit der Natur einen spezifischen und auch notwendigen Beitrag zu zeitgemässer Bildung leisten kann. Weil eine rein digitale Form diese «körperliche» Dimension nicht kann und es sie aber für gutes Lernen unbedingt auch braucht. Hier liegt ein Knackpunkt von «lernen in Zeiten der Digitalität»: wie können wir den Wert von Lernen in realen, physischen Situationen schärfen und aufzeigen. Nicht als Gegensatz zu digitaler Bildung, nicht entweder / oder, auch nicht einfach nebeneinander her, sondern in einer durchdachten, sinnvollen Kombination. Eine zeitgemässe (von der Digitalität her gedachte) Bildung plus Lernen in der realen, physischen Welt wäre recht vollständig, und zukunftsfähig glaube ich.

Gemeinsam mit den «Digitaliserern» ist den «NUBlern» sicher, das Bedürfnis, aus dem Schulhaus, dem Seminarraum, aus dem Korsett des Stundenplanes raus ins echte Leben (analog oder digital) zu kommen. Wie die NUB das «digitale echte Leben» und ev. Formate mit mehr Zeitungebundenheit nutzen könnte, sind für mich weitere offene Fragen die es in der Praxis durch «probieren» zu erkunden gilt?


findet in einem persönlichen Netzwerk statt

Und wie! SILVIVA beobachtet das z.B. im Rahmen des Netzwerkes «Draussen unterrichten» oder bei den Alumni des CAS Naturbezogene Umweltbildung. Persönlich hat sich in den letzten Jahren mein Netzwerk deutlich im Internet erweitert (#twitterlehrerzimmer, Edu Podcasts).


ist Lernen nach dem 4K-Modell

Noch ist das neu für uns. Aber ich bin sicher, das wird in irgendeiner Form in die SILVIVA Methodik aufgenommen. (Um die Kompetenzen des 21. Jahrhunderts, die berühmten 4K wird es im nächsten Blogpost gehen.)


unterscheidet nicht zwischen einzelnen Fächern, Klassen, Schularten oder formaler und non-formaler Bildung

Ich glaube, fächer-, alters-, themenübergreifende Bildungsangebote wären eine der sozusagen natürlichen Stärken der NUB. Immer wieder gehen wir, z.B. als ausserschulische Akteure, oder auch in konkreten Projekten aber den Weg, den (eher konservativen) Schulen unsere Methoden und Aktivitäten via Fächerinhalten und in kurzen Tagesdosen zu «verkaufen». Es ist ein Abwägen zwischen den seit langem bestehenden innovativen Methoden und den Möglichkeiten (oder Erwartungen?) in den Schulen. Gute, zeitgemässe NUB systemisch zu im ganzen Bildungssystem zu verankern bleibt eine Marathonaufgabe. Ich verspreche mir einigen Erfolg von einer «Guerillastrategie»: Schulen, die ein bisschen Draussen unterrichten machen, können rasch den Virus NUB einfangen und das kann zu erfreulichen Schulentwicklungen führen…


gibt dem Web eine bedeutende Funktion

Ob und va. wie die NUB das Web nutzt und nutzen soll, ist unbedingt zu diskutieren. Und diese Diskussion geht sicher hier, an und nach der Erfa 2020 weiter. Ich sehe viele Möglichkeiten, aber noch wenige Beispiele.


sieht die Rollen von Lehrenden und Lernenden als flexibel an und ermöglicht Wechsel

Dazu finde ich in unserer Methodik noch nicht so viel. Auch wenn ich von vielen guten Beispielen in der Praxis weiss. Ev. gilt es da noch etwas zu formalisieren? (note to myself: Thema für Überarbeitung der Methodik merken). Ich persönlich wollte mich schon lange an die Pädagogik des Paulo Freire machen… Und ganz auf der praktischen Ebene habe ich bei den Recherchen zu Bildung und Digitalisierung die (auch nicht ganz unumstrittene) Methode «Flipped Classroom» kennengelernt. Ev. schaffe ich bald einen Blogpost dazu.


braucht Räume für Lernprozesse mit Versuch und Irrtum

Räume können wir in der NUB bieten! :-) Ob wir auch die Zeit bieten können und die Einstellung haben? Ich denke für ganz viele NUB Angebote, insbesondere die SILVIVA Kurse sind wir auf einem guten Weg.


braucht Räume, um neue Konzepte zu entwickeln oder Projekte durchzuführen

Das braucht auch die NUB. Immer wieder kämpft SILVIVA dafür. Das es «auf der Fläche» oft schwierig ist, ist mir klar. Ich glaube, wir müssen wieder verstärkt auf allen Ebenen erklären, dass lernen, dass Bildung Zeit braucht. Auch Zeit um sich weiterzuentwickeln. Und dass das (in der Regel die Gesellschaft) etwas kostet. Mit den Digitalisierungsfachleuten sehen wir, dass die Entwicklung nicht mit etwas Infrastruktur und Anschubfinanzierung von Projektli getan ist. Es ist eine Daueraufgabe, die das System irgendwie zu organisieren hat. Auf individueller Ebene können wir immer unsere Spielräume nutzen und versuchen, zeitgemässe Bildung umzusetzen, aber das wird nicht reichen.


Nur neue Prüfungsformate und Bewertungsansätze werden diese Räume ermöglichen

Das schöne ist, dass ich gerade die «zu entwickelnden Konzepte» (vgl. Punkt oben) in Kursen als Lernprodukte erarbeiten (lassen) kann. Bei den Recherchen rund um Digitalität habe ich aber gelernt, dass wir gerade in der Weiterbildung viel mehr Möglichkeiten und Formen der Bewertung haben, als ich aktuell brauche. Im nächsten Kurs werde ich für den Kompetenznachweis auch eine Form von Peerfedback einführen. Ich bin sicher, die Kompetenznachweise werden noch besser :-).


NUB: eine zeitgemässe Bildung für Nachhaltige Entwicklung

Natürlich haben wir mit diesem Vorgehen noch nicht DIE gute Bildung des 21. Jahrhunderts definiert. Aber es scheint mir ein Ansatz. Ich erhoffe mir, dass wir beim gemeinsamen weiterentwickeln von zeitgemässer naturbezogenen Umweltbildung näher an eine echte zukunftsfähige Bildung kommen.

 

Offen bleibt bei dieser Gegenüberstellung z.B. noch, was die NUB der digitalen Bildung bieten könnte. Vielleicht finden sich hier im Netz ja digitale Bildungsfachleute, die sich von der NUB Methodik inspirieren lassen? Vielleicht ergeben sich an der Erfa Tagung 2020 neue naturbezogene digitale Bildungsprojekte?!

Klar wird mir, dass moderne Fachexperten zur Digitalisierung der Bildung und die Naturbezogenen Umweltbildner*innen in vielem einig sind was gute Bildung betrifft. Wir treffen uns zum Beispiel immer wieder beim 4K Modell. Das kann Zufall sein, oder das Modell ist so allgemein (oder so banal), dass alle sich dort finden können, oder es macht keine spezifischen Aussagen, oder …. Aber ich denke, es zeigt auf, dass in unterschiedlichen Szenen das selbe diskutiert wird.

 

Man kann es gute Bildung, zeitgemässe Bildung oder auch Bildung für das 21. Jahrhundert nennen, wichtig ist, dass wir die Theorie und die Praxis laufend kritisch reflektieren, offen sind und voneinander lernen.

Wie sieht für euch eine zeitgemässe Bildung aus? Was macht sie aus? Ist der Begriff für die kritische Reflektion der NUB hilfreich? Bringt sie uns weiter? Könnt ihr die obige Tabelle ergänzen?

 

Christian Stocker, Stiftung SILVIVA

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