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Draussen lernen - naturbezogene Umweltbildung des 21. Jahrhunderts

Freiluft-Schulzimmer in Karlebo

SILVIVA ist mittendrin, mit einem breitangelegten nationalen Projekt „Draussen unterrichten“ möglichst viele Lehrpersonen und Schulen dazu zu ermutigen, möglichst oft und in möglichst allen Fächern draussen zu unterrichten, und zwar nicht nur, aber oft in der Natur.

 

Erfahrungsbasierte Projektentwicklung

Wir wissen aus bestehender Forschung sowie aus vielen inspirierenden Beispielen aus Schottland, Norwegen, Finnland und nicht zuletzt der Schweiz, dass Lernen in und mit der Natur funktioniert und vielfältigen Nutzen bietet. Da SILVIVA aber überzeugt ist, dass sinnvolle Weiterentwicklungen der Schule nur dann passieren, wenn sie durch Forschungsergebnisse gut gestützt sind und sowohl Lehrpersonen wie Schüler*innen möglichst gut unterstützen, wollten wir – getreu unserer Methode – erfahrungsbasiert herausfinden, wie Draussen unterrichten anderswo im Alltag tatsächlich funktioniert. Aus diesem Grund verbrachte das gesamte SILVIVA-Team – dank der grosszügigen Unterstützung des Förderprogramms Expeditionen der Stiftung Mercator Schweiz  – eine Woche in Dänemark. Wir besuchten die Guldberg Skole in Kopenhagen sowie die Karlebo School und das Skovskolen research institute.

Udeskole - das dänische draussen lernen

Unterricht im Park

Die Erfahrung, udeskole (Draussenschule) so breit und selbstverständlich umgesetzt zu sehen, war äusserst eindrücklich und beschenkte uns mit unzähligen Einsichten, wie die Methoden und Zugänge von naturbezogener Umweltbildung genutzt werden kann, um qualitativ hochstehendes Lernen für Schüler*innen zu ermöglichen, mit Blick auf Bildung für Nachhaltige Entwicklung. Draussenschule ist in Dänemark so definiert, dass man im Regelfall einen Tag pro Woche, jede Woche, das ganze Schuljahr nach draussen geht (also 20% der gesamten Unterrichtszeit).

Forschung zum Nutzen von Draussenschule

Über die jahrelange Erfahrung und die Begleitforschung des Skovskolen-Instituts konnten in Dänemark zahlreiche Vorteile von Draussenschule festgestellt werden:

  • Spätestens seit Hattie (2008) in Visible Learning die entsprechenden Forschungsresultate zusammentrug, wissen wir sehr deutlich, dass eine funktionierend soziale Interaktion zwischen Lehrenden und Lernenden für erfolgreiches Lernen zentral ist. Der Bildungsforscher Will Stadelmann hält dazu fest, dass „die Person, von welcher die Schülerin/der Schüler etwas lernen soll, als bedeutsam erlebt werden muss“ und dass „eine emotionale Beziehung zu Lehrenden und Erziehenden von grosser Wichtigkeit ist“ (Was bleibt? Nachhaltiges Lernen als Ziel, profil No. 3, 2017, S. 8-13, hier, S. 12). Draussenlernen stimuliert bessere Sozialbeziehungen nicht nur zwischen Lehrpersonen und Schüler*innen, sondern auch zwischen Schüler*innen untereinander. Die Tatsache, dass alle zusammen Erfahrungen in unterschiedlichen Situationen, sozialen Interaktionen und Lernumgebungen teilen, dass sie viel informelle Zeit miteinander verbringen (z.B. auf dem Weg zum und vom Wald), bewirkt, dass Vertrauen, Loyalität und ein tieferes gegenseitiges Verständnis entsteht, welches nicht nur das Draussenunterrichten verbessert, sondern auch zurück wirkt ins Klassenzimmer und hier für ein besseres Sozialklima sorgt.
  • Es ist weltweit sehr gut erforscht und dokumentiert, dass Schüler*innen vom Schuleintritt bis zum Schulaustritt einen kontinuierliche Motivationsverlust erleiden. Forschung des Skovskolen-Instituts belegt, dass Draussenschule die Motivation zwar nicht längerfristig steigern kann, es aber schafft, den Motivationsverlust zu stoppen. Das ist bereits ein ziemlich beeindruckendes Resultat.
  • Draussenlernen fördert „intensives Eintauchen in Wissensgebiete (Zeit zum Reflektieren, Nachdenken, Verbinden mit bereits Gelerntem und Erfahrenen, Nachfragen und Nachforschen)“ (Stadelmann, a.a.O., S. 12), es ermöglicht „Gelegenheit zur sozialen Interaktion“, zum „Selbst-Tun“ (ebd.), zur Selbstwirksamkeitserfahrung, zum lebensnahen, handgreiflichen Lernen in unterschiedlichen, anregenden, emotional reichen, authentischen und sinn-vollen Lernumgebungen. Lernen ist auf möglichst vielfältige, individuell beeindruckende, emotional begleitete Impulse von aussen angewiesen (siehe Stadelmann, a.a.O., S. 10-11). Das fördert das Gedächtnis, vertieftes Lernen und Verständnis von Komplexität, wie wir aus der Lern- und Hirnforschung wissen. Lernen in neuen, unbekannten Lernumgebungen bringt die Schüler*innen auch dazu, ihre Komfortzone zu verlassen, was sich ebenfalls positiv auf das Lernen auswirkt.
  • Einer der überraschendsten, bei genauerer Überlegung aber logischen Effekte des Draussenlernens ist die deutliche Förderung der Sprachkompetenz. Weil die Schüler*innen sich nicht in bekannten, bereits ‚benannten‘ Umgebungen (wie etwa dem Klassenzimmer) bewegen, werden sie gezwungen zu reden, zu fragen, neue Dinge zu benennen, Ereignisse zu beschreiben, neues Vokabular zu lernen, um überhaupt kommunizieren zu können. Ausserdem zeigen Forschungsresultate der Skovskolen, dass Schüler*innen mehr zu Wort kommen: während im Klassenzimmer die Lehrperson durchschnittlich 80% der Redezeit beansprucht, ist dieses Verhältnis draussen umgekehrt, zugunsten der Schüler*innen.
  • Und, last but not least: draussen sind Schüler*innen und Lehrpersonen dauernd in Bewegung, in speziellem Masse die Knaben. Diese zusätzliche Bewegung hat offensichtliche, positive gesundheitliche Auswirkungen.
Freiluftschulzimmer in Karlebo
Gemeinschaftszentrum mitten in Kopenhagen

Udeskole für die Schweiz - Zutaten des dänischen Erfolgsrezeptes

Wikingerbrot in der Pfanne

Nun stellt sich aber die Frage, welche Faktoren dazu beitragen, dass udeskole überhaupt gemacht wird.

 

Was können wir von Dänemark lernen, damit wir in der Schweiz auch vergleichbare Ergebnisse erzielen können, welche soweit gehen, dass heruntergekommene Stadtteile von Kopenhagen plötzlich begehrt sind, weil die lokalen Schulen Draussenunterricht anbieten und alle Beteiligten merken, wie fördernd sich dies auswirkt?

  • Die Unterstützung von Schulleitung und Eltern ist entscheidend, vor allem, weil ja oft auch zeitliche und finanzielle Unterstützung nötig ist (mindestens zu Beginn). Hier ist es ganz wichtig, dass den Beteiligten gut dokumentierte, wissenschaftlich gestützte Argumente vorliegen, welche den Nutzen des Lernens draussen klar aufzeigen.
  • Tandem- oder peer-to-peer-Lernarrangements in oder zwischen Schulen scheinen die beste Möglichkeit darzustellen, um die Kompetenzen für Draussenunterricht im Lehrpersonenteam zu stärken. Es ermöglicht erfahrenen Lehrpersonen ‚Neulinge‘ ‚on the job‘ weiterzubilden. Zusätzliche Unterstützung kann bereitgestellt werden durch regionale oder nationale Austauschnetzwerke von Schulen.
  • Ausgebildete Umweltbildner*innen können Schulen beraten und ihnen helfen auf dem Weg zu einer besseren Verankerung von Draussenunterrichten im Schulalltag ihrer Schule.
  • Materialien, wie etwa das von SILVIVA herausgegebene „Draussen unterrichten. Handbuch für alle Fachbereiche“ (erscheint März 2018), und Websiten, welche einfach nutzbare Beispiele versammeln, wie man alle Fachbereiche draussen unterrichten kann, werden von Lehrpersonen sehr geschätzt.
  • Dänische Schulen berichten, dass der Fokus auf Lernziele (wir wollen draussen lernen, nicht einfach Spass haben) oft dazu führt, im gesamten Lehrpersonenkollegium die Reflexion über qualitativ hochstehendes Lernen anzuregen. Solche Diskussionen um Schul- und Qualitätsentwicklung können dem Team helfen, kooperativer miteinander zusammen zu arbeiten, mehr Teamteaching zu machen, gegenseitig voneinander zu lernen und zu einem geteilten Verständnis der pädagogischen Ziele zu kommen.
  • Draussen lernen in die Lehrpersonenaus- und -weiterbildung zu integrieren ist zentral für den langfristigen Erfolg.

Draussen lernen ist Bildung für nachhaltige Entwicklung vor Ort

Was bedeutet all dies für naturbezogenen Umweltbildung, für Lernen in und mit der Natur? Für SILVIVA wurde plötzlich offensichtlich, dass die Methoden und Lernzugänge von naturbezogener Umweltbildung ein grundlegendes und zentrales Element sind, um sicherzustellen, dass das Ziel 4 der UN-Sustainable Development Goals („Inklusive, gleichberechtigte und hochwertige Bildung gewährleisten und Möglichkeiten lebenslangen Lernens für alle fördern“) erreicht wird. Draussen lernen, in der Natur, in Unternehmen, in Museen oder Sportclubs, mit anderen Worten, lernen in konkreten, komplexen Lebensrealitäten ist die beste Möglichkeit, die wir haben, um Lehrpersonen und Schüler*innen fit fürs 21. Jahrhundert, fit für zukunftsfähiges, enkeltaugliches Lernen und Handeln zu machen. Oder, andersherum formuliert: Lernen in und mit der Natur ist ein sehr wirksamer und sinnvoller Teil von Bildung für Nachhaltige Entwicklung.

Auf dem Weg in die Zukunft
Bäume erklimmen für Weitsicht

Und das ist übrigens nicht nur ein Furz von SILVIVA: Kürzlich haben über 15‘000 Wissenschaftler aus aller Welt eine „Warnung an die Menschheit: eine zweite Mahnung“ unterzeichnet. Sie ermutigen alle Menschen überall wirksame Massnahmen zu ergreifen, um die Erde als Lebensversicherungssystem, von welchem wir alle auf Gedeih und Verderben abhängen, zu erhalten. Als eine von 12 wirksamen Massnahmen empfehlen die Wissenschaftler: „(i) Verbreitung von Lernen in der Natur für Kinder, wie auch die Verstärkung des breiten Engagements der Öffentlichkeit für die Wertschätzung der Natur“

Rolf Jucker, Geschäftsleiter Stitfung SILVIVA