SILVIVA war zu Besuch im Besuch im Waldschulzimmer der Schule Walenstadt, wo die Jungen der 3. Realschulklasse über dem Feuer kochten und ihr Besteck selbst schnitzten.
Bei strahlendem Sonnenschein besuchen wir heute Montag zusammen mit dem SILIVA-Beirat die Oberstufe der Schule Walenstadt. Matthias Vonaesch empfängt uns vor dem eindrücklichen Panorama der Churfirsten. Wir kennen ihn als Teilnehmer unseres Netzwerktreffens Draussen unterrichten und als Mitgründer der Firma Waldschulzimmer. Er hat bereits eine Schülergruppe – die Jungen aus seiner 3. Realklasse – im Aussenschulzimmer versammelt. Dieses Zimmer ist ein überdachter Flecken Natur zwischen zwei Schulgebäuden. Im Zentrum brennt ein Feuer. Hier machen sich zwei angehende Kochlehrlinge aus der Klasse zu schaffen. Sie haben den Auftrag, vor Ort leckere Crêpes zuzubereiten. Derweil schnitzen die anderen aus einem Stück Lindenholz ein Besteck, das als Löffel und Gabel funktionieren soll. Huhn Frieda ist auch da. Sie wohnt im Schulgarten und ist stolz, die Eier für die Crêpes beigesteuert zu haben.
Raum zum Lernen durch Erleben
Die Stimmung am Feuer ist entspannt. Die Schüler haben offensichtlich Routine darin, draussen unterrichtet zu werden. Sie bleiben konzentriert, helfen sich gegenseitig und halten sich an die wichtigste Schnitzregel: Wer schnitzt, der sitzt. Matthias Vonaesch und seine Kollegin begleiten die Schüler in ihrem Tun, nehmen sich aber möglichst zurück. Sie lassen ihnen den Raum zum Lernen durch Erleben. Die Crêpes gelingen und werden restlos verputzt – wenn auch mit den Fingern, weil von Löffeln und Gabeln noch nicht allzu viel zu sehen ist. Das stört niemanden.
Die Schule Walenstadt
Die Schule Walenstadt vereint die Zyklen 1 bis 3. Die Klassen sind auf verschiedene Gebäude verteilt, orientieren sich aber alle an denselben pädagogischen Schwerpunkten:
- Verantwortlicher Umgang mit Digitalität
- Partizipation durch aktive Beteiligung der Schüler*innen an Unterricht und Schulkultur
- Individuelle Lernwege durch differenziertes Lernmaterial und Coaching
- Lernen durch Erleben/Making drinnen und draussen
- Schulraum als dritter Pädagoge drinnen und draussen
Diese Schwerpunkte geben der Schule ein Profil. Wer in Walenstadt arbeitet oder arbeiten möchte, muss Konzept und Haltung zwingend teilen. Die Schule hat Lernlandschaften eingerichtet und pflegt das Prinzip der Lernbegleitung. Nach anfänglicher Aufklärungsarbeit wird diese Lernkultur auch in der Elternschaft breit akzeptiert.
Selbstwert stärken
In einer Realschulklasse sitzen viele Jugendliche mit eher kleinem Selbstwertgefühlt. Sie glänzen nicht unbedingt mit schulischen Leistungen und erleben bei der Berufswahl oft viel Ablehnung. Umso mehr ist es Matthias Vonaesch ein Anliegen, seine Schüler:innen zu stärken. Seine Erfahrung zeigt ihm, dass Draussenlernen oder Lernen durch Erleben, wie sie es an seiner Schule heisst, hier besonders wirkungsvoll sein kann. Ausserdem sei der Beziehungsaufbau zwischen ihm und den Schüler:innen draussen natürlicher und einfacher, sagt Matthias Vonaesch. Das zeige auch die Forschung.
Berufswahl
Schliesslich biete das Lernen durch Erleben ausserhalb des Klassenzimmers Einblicke in diverse Berufsfelder, was den Jugendlichen die Berufswahl erleichtert. Wenn allerdings im zweiten Halbjahr der 3. Oberstufe schon fast alle eine Lehrstelle haben, wird es allgemein schwieriger mit der Motivation für die Schule. Dann zählt es viel, so Matthias Vonaesch, wenn er den Schüler*innen Verantwortung abgeben kann und die Stimmung im Unterricht gut ist. Wir können gut erkennen, wie sehr der Lehrer selbst Feuer und Flamme ist für das Draussenlernen. Es ist richtig ansteckend.
Lernen durch Erleben im Waldschulzimmer
Für das Lernen durch Erleben stehen den Lehrpersonen in Walenstadt insgesamt 6 Waldschulzimmer zur Verfügung. Matthias Vonaesch, Realschullehrer, und Jürg Flück, ausgebildeter Erlebnispädagoge und Schulsozialarbeiter, haben diese in Zusammenarbeit mit der Gemeinde eingerichtet. Zwei davon befinden sich auf dem Schulhausareal, vier im nahen gelegenen Wald. Für ihre Pflege ist jeweils ein Stufenteam verantwortlich und die Nutzung läuft über dasselbe Reservationssystem wie für die Innenräume der Schule. Durch die Nutzung dieser Draussenräume auch für Teamsitzung, wächst die schulinterne Draussenlernkultur. Es braucht Stärke, Geduld und gegenseitige Unterstützung, um dranzubleiben. Auch ist es wichtig, gegenüber den Eltern gemeinsam auftreten zu können. Diese waren anfangs sehr skeptisch und machten sich Sorgen um ihre Kinder, die nun bei jedem Wetter draussen sein sollten. Die überdachten Waldschulzimmer haben die Situation beruhigt, es muss niemand im Regen stehen. Inzwischen sind die Reaktionen der Eltern und auch der Anwohner:innen positiv. Oft sind Mütter und Väter draussen mit dabei und überrascht, wie gut der Unterricht läuft.
Tipp vom Profi:
«Solange es kein eigenes Handbuch für den 3. Zyklus gibt, können viele Übungen aus Draussen unterrichten mit wenigen Anpassungen oder teilweise sogar eins zu eins auch für die Oberstufe übernommen werden. Ich mache das so.» Matthias Vonaesch