HomeBlogDie Vielfalt des Draussenlernens – gängige Modelle im Überblick

Die Vielfalt des Draussenlernens – gängige Modelle im Überblick

#Grundlagen

Die verschiedenen Konzepte, die im Folgenden dargestellt und erläutert werden, dienen als Inspirationsquelle und eröffnen Perspektiven bei der Entwicklung von Lerngelegenheiten in und mit der Natur. Auch wenn die Ansätze und Schwerpunkte von Konzept zu Konzept variieren, verfolgen alle das selbe Ziel: sie möchten die Teilnehmenden ermutigen, sich mit ihrer Umgebung zu verbinden und sie motivieren, im Sinne einer nachhaltigen Lebensweise zu handeln.

Flow-Learning

Joseph Cornell

Kind geht durch dichten Wald
  • Ziel: Verbindung mit der Natur / mit den fünf Sinnen. Die Teilnehmenden in einen «Flow-Zustand» versetzen, was für die Verbindung mit der Natur besonders förderlich ist.

 

  • Anwendungskontext: für kurze Sequenzen von 1 bis 4 Stunden, aber auch zur Wiederholung für eine langfristige Verankerung

 

  • Ablauf: Die Sequenzen bestehen aus vier aufeinander folgenden Elemten:
    1. Begeisterung wecken
    2. Aufmerksamkeit fokussieren
    3. eine direkte Erfahrung ermöglichen
    4. Erlebtes teilen

 

  • Elemente auf der SILVIVA-Lernspirale*: erleben und verstehen

 

  • Darum ist uns dieses Konzept wichtig: Joseph Cornell ist ein Pionier in der Förderung der Naturverbindung über die Sinne. Der sinnliche Zugang ist ein wichtiger Faktor für das Lernen und die Natur bietet viele Gelegenheiten, das zu erleben und zu integrieren.

 

Meditative Naturbegegnung

Michael Kallf

  • Ziel: Verbindung mit der Natur / mit den fünf Sinnen. Die Teilnehmenden zu einer tiefergehenden Naturbegegnung anleiten.

 

  • Anwendungskontext: für kurze Sequenzen von 1 bis 4 Stunden, aber auch zur Wiederholung für eine langfristige Verankerung

 

  • Ablauf: Der Ansatz besteht aus vier aufeinander aufbauenden Schritten:
    1. erster Kontakt mit der Natur über Spiel und Sinne
    2. die Natur entdecken und kennenlernen
    3. vertiefte sinnliche Erfahrungen
    4. meditative Naturbegegnung

 

  • Elemente auf der SILVIVA-Lernspirale: erleben und verstehen

 

  • Darum ist uns dieses Konzept wichtig: Das Konzept von Michael Kalff lädt zu einer tiefen Begegnung und Verbindung mit der Natur ein, die gleichzeitig durch spielerische, wissenschaftliche und kontemplative Methoden entsteht. Es ist diese Mischung und ihr Ziel der Tiefenwirkung, die wir interessant finden.

 

Kalff, Michael (Hrsg.) (1997) : Handbuch der Natur- und Umweltpädagogik. Theoretische Grundlegung und praktische Anleitungen für ein tieferes Mitweltverständnis. Ulmer, Günter A., Tuningen.

 

Erfahrungshandeln in der Schule

K. Blessing & S. Mäurer

mit geschlossenen Augen einen Baum ertasten
  • Ziel: Experimentieren im Kontakt mit der realen Welt / in Aktion sein. Die Teilnehmenden beim Entdecken, Erforschen und Experimen­tieren begleiten, so dass sie Handlungsentscheidungen treffen können.

 

  • Anwendungskontext: für Formate über einen ganzen Tag bis zu mehreren Jahren

 

  • Ablauf: Der Ansatz besteht aus fünf aufeinander folgenden Schritten. Dabei sind Schlaufen und Wiederholungen möglich.
    1. die Umwelt erleben
    2. die Umwelt mit Kopf, Hand und Herz erkunden
    3. sich Wissen über die Umwelt aneignen
    4. sich über Erfahrungen und Gefühle austauschen
    5. (neue) Handlungen zu Gunsten der Umwelt ausprobieren

 

  • Elemente auf der SILVIVA-Lernspirale: erleben, verstehen, analysieren und transferieren

 

  • Darum ist uns dieses Konzept wichtig: Ein grundlegender Aspekt dieses Konzeptes ist Handeln, das auf vorausgehendem Wissensaufbau beruht. Wir wissen heute, dass Wissen über ein Thema eine Voraussetzung für Bewusstsein und Handeln ist. Im Kontext von Wissenserwerb sind systemisches Wissen und kritisches Denken für gute Entscheidungen Schlüsselkompetenzen, um nachhaltig zu handeln. Das Konzept ist auch deshalb interessant, weil es zum Experimentieren und zu Versuch und Irrtum anregt.

 

Blessing, K.; Mäurer, S. (2002): Natur, Ökologie im Kindergarten. Ein Lern- und Praxisbuch. Hirzel Leipzig.

 

Engagement in der Gemeinschaft

Lucie Sauvé et al.

Jugendliche arbeiten an Teich
  • Ziel: Den eigenen Lebensraum als System begreifen / sich engagieren und Verantwortung für Projekte übernehmen. Die Teilnehmenden dabei begleiten, zu verantwortlichen Bürger*innen zu werden, die sich für ein nach­haltiges Leben engagieren

 

  • Anwendungskontext: Für Formate über mehrere Monate oder Jahre

 

  • Ablauf: Der Ansatz besteht aus vier aufeinander aufbauenden Schritten:
    1. Die Umwelt, mein Lebensraum – sich der Verbindungen mit und der Zugehörigkeit zum eigenen Lebensraum bewusst werden
    2. Die Umwelt, ein Netz aus Beziehungen – systemisches Denken entwickeln
    3. Die Umwelt, Probleme, die zu lösen sind – kritisches Denken entwickeln und eigene Werte klären
    4. Die Umwelt, Projekte für meine Gemeinschaft – Projektmanagement und Verantwortung übernehmen

 

  • Elemente auf der SILVIVA-Lernspirale: erleben, verstehen, analysieren und transferieren

 

  • Darum ist uns dieses Konzept wichtig: Wir möchten hier besonders die gemeinschaftliche und kollaborative Dimension hervorheben, mit einem systemischen Lernansatz über die und in der Lebenswelt der Lernenden. Kenntnis der lokalen Gegebenheiten und Verankerung vor Ort bilden in diesem Modell die Grundlage für verantwortliches Handeln im Sinne einer nachhaltigen Lebensführung.

 

Hoffnung durch Handeln

Louise Chawla et al.

  • Ziel: Arbeit mit positiven und negativen Emotionen / Natur­verbundenheit / Engagement. Die Teilnehmenden dabei begleiten, sich mit ihren Emotionen auseinanderzusetzen und daraus ins Handeln zu kommen.

 

  • Anwendungskontext: für eine regelmässige Integration in kurze, mittlere und langfristige Formate

 

  • Ablauf: Es gibt keinen Ablauf, sondern verschiedene Ansatzpunkte:
    – wissenschaftliche Informationen mit Handlungsmöglichkeiten im eigenenLebensumfeld kombinieren
    – Wohlwollende Räume schaffen, wo alle Emotionen geteilt werden können
    – eine positive Aneignung von Problemen fördern
    – sich die Zukunft vorstellen
    – Möglichkeiten schaffen, ins Handeln zu kommen
    – Begegnungen mit engagierten Personen anbieten
    – Möglichkeiten schaffen, die Vorteile von Einfachheit und Gemeinschaft zu erfahren
    – (Rück)Verbindung mit der Natur

 

  • Elemente auf der SILVIVA-Lernspirale: erleben, verstehen, analysieren und transferieren

 

  • Darum ist uns dieses Konzept wichtig: Negative Emotionen und Ängste in Bezug auf die Umwelt aufzunehmen und zu bearbeiten scheint uns eine sehr wichtige Dimension zu sein in einer Zeit, in der viele Menschen, darunter viele junge Menschen, unter Öko-Ängsten leiden. Louise Chawla kombiniert die positive Dimension von Naturverbindung mit der Bereitschaft, Sorgen anzunehmen und zu bearbeiten. Es ist diese Kombination, die zu Engagement motivieren und zu nachhaltigem Handeln führen soll.

 

Drei verschiedene Naturzugänge

Julie Moffet et al.

Kinder blasen mit Strohhalm aufs Wasser
  • Ziel: Die Umgebung draussen unterstützt das Erreichen von Lernzielen. Die Umwelt hilft, verschiedene Ziele zu erreichen – vom Frische-Luft-Schnappen bis zu langfristigen Projekten in der Gemeinde.

 

  • Anwendungskontext: um einen Lernort zu wählen; für kurze (Zugang 1), mittlere (Zugang 2) oder langfristige (Zugang 3) Formate

 

  • Ablauf: Drei grundsätzliche Zugänge mit zunehmendem Engagement der Lernenden von 1 zu 3:
    1. die Natur als inspirierender Ort
    2. die Natur als pädagogisches Mittel
    3. die Natur als Unterstützung eines interdisziplinären Ansatzes

 

  • Elemente auf der SILVIVA-Lernspirale: erleben, verstehen, analysieren und transferieren, v.a. wenn man sich in Richtung 3. Zugang bewegt

 

  • Darum ist uns dieses Konzept wichtig: Dieser Ansatz nimmt den Druck, immer mit einem bestimmten Ziel raus zu gehen, indem er die Aneigung des Aussenraums in kleinen Schritten vorsieht.

 

Erforschender Ansatz der Outdoor Journeys (Schottland)

  • Ziel: Neugierde wecken / Wissen über und Verbundenheit mit der nahen Umgebung. Die Teilnehmenden in einen Erforschungsprozess bringen, wo sie die Akteure beim Aufbau des eigenen Wissens sind.

 

  • Anwendungskontext: für kurze Sequenzen von 1 bis 4 Stunden, aber auch für längere Formate, entsprechend der Fragestellung. Sehr gut für Jugendliche geeignet.

 

  • Ablauf: Der Ansatz besteht aus drei aufeinander aufbauenden Schritten:
    1. sich eine oder mehrere Fragen stellen
    2. die Umgebung erforschen, um die Frage(n) zu beantworten
    3. Erkenntnisse teilen

 

  • Elemente auf der SILVIVA-Lernspirale: erleben, verstehen und analysieren

 

  • Darum ist uns dieses Konzept wichtig: Das Modell ist einfach und strukturiert und ermöglicht den Lernenden einen selbstbestimmten Erkundungsprozess vor Ort, welcher, wenn er gut begleitet wird (und darin liegt die Komplexität dieses Prozesses), einen grossen Einfluss auf die Lernmotivation haben kann.

 

Zugang über die Landschaft

Lernraum Landschaft

  • Ziel: Die nahe Umgebung kennenlernen / landschaftliche Perspektive. Die Teilnehmenden in die vielfältigen landschaftlichen Dimensionen ihrer Umgebung einführen, damit sie diese kennen­lernen und aufwerten können.

 

  • Anwendungskontext: für Formate zwischen einem Tag und mehreren Wochen. Kann regelmässig in Lernsequenzen integriert werden.

 

  • Ablauf: Verschiedene Zugängen zur Landschaft:
    – über die Sinne, Empfindungen und Gefühle
    – über die ökologischen, sozialen und wirtschaftlichen Dimensionen
    – über Identität und Ästhetik
    – über die politische Dimension

 

  • Elemente auf der SILVIVA-Lernspirale: erleben, verstehen und analysieren

 

  • Darum ist uns dieses Konzept wichtig: Der grossräumige, landschaftliche Zugang ist eine gute Variation, sich einem Ort anzunähern.

 

Lernen mit Place-Based Education (PBE)

  • Ziel: Sich als Teil der Region fühlen, indem man mit der unmittel­baren Umgebung und Akteuren vor Ort in Kontakt tritt und sie besser kennen lernt. Sich in seiner Gemeinde engagieren.

 

  • Anwendungskontext: für Formate über mehrere Wochen, Monate oder Jahre

 

  • Ablauf:
    – PBE basiert auf erforschendem Lernen und einem praktischen Zugang mit authentischen Erfahrungen im direkten Umfeld.
    – Je nach Alter und Gewohnheiten der Lernenden mit Projekten auf Mikroebene (Nachbarschaft) beginnen und dann auf die Makroebene (Stadt, Land, Welt) ausweiten.

 

  • Elemente auf der SILVIVA-Lernspirale: erleben, verstehen, analysieren und transferieren

 

  • Darum ist uns dieses Konzept wichtig: Dies ist ein komplexer Ansatz. Die Lehrperson muss über eine gewisse Ortskenntnis und Fähigkeiten zur aktiven Begleitung der Lernenden verfügen. Der Ansatz erweist sich als sehr wirksam für die Entwicklung eines Zugehörigkeitsgefühls zur Region sowie für die Motivation, sich in der Gemeinschaft zu engagieren.

 

Lausselet, N., Zosso, I. (2022). Bonding with the World: A Pedagogical Approach.
In: Jucker, R., von Au, J. (eds) High-Quality Outdoor Learning. Springer,
Cham. https://doi.org/10.1007/978-3-031-04108-2_15

 

* Die SILVIVA-Lernspirale umfasst folgende Elemente: erleben, verstehen, analysieren und transferieren. Eine ausführliche Beschreibung findet sich im Dokument «Bildungsverständnis und Methodik» ab Seite 4.

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