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3 Wochen Wald statt Schulzimmer

Nach dem Corona-Lockdown hat Corinne Berner, Lehrerin einer 2. Klasse in Küttigen AG, kurzerhand beschlossen, den Unterricht für drei Wochen in den Wald zu verlegen.

 

SILVIVA wollte von ihr wissen, wie die Idee entstanden ist und wie die Umstellung funktioniert hat.

Wie bist du auf die Idee gekommen, den Unterricht für 3 Wochen in den Wald zu verlegen?

Schon seit vielen Jahren behandle ich jeweils mit den Drittklässlern das Jahresthema Wald. Dabei haben wir jeweils viele Exkursionen mit dem Förster, Martin Blattner, unternommen. Seit 5 Jahren unterstützt uns SILVIVA dabei. Die Idee einer «Waldschule» schlummert schon sehr lange in mir. Ich wollte immer schon mal ausprobieren, wie und welche Unterrichtsinhalte man auch im Wald erlernen und einüben könnte, welchen (hoffentlich positiven) Einfluss die Waldatmosphäre darauf hat und wie die Kinder das wahrnehmen. Ich habe Martin Blattner von meiner Idee erzählt. Darauf brachte er den Vorschlag , einen alten Forstmaterialwagen für uns umzubauen. Dies war noch das letzte Puzzlesteinchen, das mich dazu bewogen hat, diese Idee nun mit meiner tollen Klasse, welche auch sozial sehr stark ist, umzusetzen.

Welche Fächer konntest du draussen unterrichten?

Das Ziel war es von Anfang an, sämtliche Fächer in der Waldschule zu unterrichten, also Mathe (Reihen üben, Thema Pläne, Strategien und Regeln usw.), Deutsch (Waldtagebuch schreiben, Adjektive, Wochentage, Monate, Jahreszeiten), Realien (Wachstum, Entwicklung, Vielfalt, Feuer machen), Musik (Waldinstrumente), Bewegung und Sport (Hüpfen, Springen, Klettern, Pläne lesen, Schatzsuche), Werken (Schnitzen) und Bildnerisches Gestalten (Pflanzen abzeichnen, Farben mischen). Selbstverständlich kamen auch die überfachlichen Kompetenzen immer wieder zum Tragen, also auch Sozial- und Selbstkompetenzen.

Was war einfacher, was schwieriger, draussen zu unterrichten?

Wir haben bewusst darauf geachtet, dass wir für diesen ersten Versuch Themen aus der Jahresplanung aufsparen, welche sich sehr gut für die Waldschule eignen. So war es auch wichtig, dass es Themen sind, welche eben nicht noch viel zusätzliches Material erforderten, sondern mit der reichen Fülle, welche der Wald an Materialien schon bietet, umsetzbar waren. Alles andere hätte ja wirklich keinen Sinn gemacht.

Was war das Highlight?

Highlights hatten wir ganz viele, wie die schriftlichen Schlussfeedbacks der Kinder gezeigt haben: Am häufigsten genannt worden ist dabei das Arbeiten im Freien :-)! Daneben waren die Schatzsuche, das Schnitzen, der Wagen, die Waldinstrumente, das Bräteln, die Elternbesuche und der Besuch unserer Gotti-/Göttiklasse nebst vielen anderen positiven Rückmeldungen die wahren Höhepunkte.

Hattest du Hilfe bei der Umsetzung?

Selbstverständlich kann man ein solches Projekt nicht alleine «stemmen». Von Anfang an hat mich die Schulleiterin, Frau Esther Balmer, in meinem Vorhaben unterstützt. Vor allem der Förster, Martin Blattner, hat unglaublich viel organisiert und mitgeholfen. So hat er mit seinem Forstbetrieb den Wagen umgebaut, die Bewilligung von der Ortsbürgergemeinde für die Benutzung des Forsthauses eingeholt, uns mehrmals begleitet und Lerninhalte übernommen, die Presse organisiert, uns sogar mit Glaces überrascht und, und, und… Ohne ihn wäre dieses Projekt nicht möglich gewesen. Auch sonst brauchte ich natürlich für jeden Tag eine zusätzliche Begleitung. Mit Fachlehrpersonen, meinem Sohn, meiner Tochter und meiner Freundin konnten wir alle diese Begleitungen organisieren! Wegen Corona durfte Ueli Nydegger, der liebe Senior an unserer Klasse, nicht mehr häufiger mitkommen – er hat uns aber einmal ein tolles Feuer gemacht und uns etwas Süsses mitgebracht, so lieb. Auch die Eltern haben sich enorm engagiert, haben die Kinder super unterstützt und uns mit Besuchen und Glaces, Kuchen, Broten usw. richtig verwöhnt.

Welche Infrastruktur war vorhanden?

Vorhanden waren Plastikboxen aus der Coronazeit, welche wir gleich zu Aufbewahrungsboxen und Arbeitstischen umfunktioniert haben. Die Kinder haben meistens auf Mätteli irgendwo im Wald sitzend gearbeitet, bei schlechtem Wetter konnten wir kurzfristig in den Wagen wechseln. Wenn schon Gewitter und Regen angesagt waren, durften wir beim und im Waldschopf der Ortsbürgergemeinde Küttigen Unterschlupf suchen, was zweimal auch notwendig war…

Hat sich in der Klasse und bei dir durch den Unterricht im Wald etwas verändert?

Die Kinder und die Lehrpersonen sind am Ende dieses langen Quartals vor den Sommerferien immer enorm müde und etwas ausgepowert. Dadurch, dass die Promotionen schon gemacht waren, konnten wir uns, ohne noch an Tests oder Hausaufgaben denken zu müssen, ganz den Lerninhalten und dem gemeinsamen Unterwegssein widmen. Das hat die Klasse noch viel mehr zusammengeschweisst und neue Freundschaften sind entstanden. Zudem war eine unglaubliche Ruhe und Gelassenheit in diesen drei Wochen zu spüren: Wir sind am Morgen zusammen gestartet (mit einem selbstgedichteten Lied), haben den Tag ohne Unterbrüche (Förderlektionen, Instrumentalstunden, Pausenglocke usw.) zusammen erleben und verbringen dürfen und sind am Mittag oder Nachmittag müde, aber zufrieden wieder nach Hause gegangen. Wir hatten keinen einzigen Konflikt – und in den drei Wochen genau zwei Pflästerli gebraucht :-)! Die Kinder sind durch das Arbeiten mit dem Arbeitsplan über drei Wochen lang noch selbständiger geworden. Zudem haben sie durch die vielen spontanen Kontakte zu Waldgängerinnen und –gängern viel an Sicherheit im Umgang mit anderen Menschen gewonnen.

Wie war die Reaktion der Eltern?

Von Seiten der Eltern habe ich schon im Vorfeld ganz viel Zustimmung zu diesem Projekt erhalten. Als dann die Coronazeit kam, waren wir alle etwas enttäuscht, dass dieses Projekt eventuell gar nicht durchführbar sein könnte. Umso grösser war dann nach der Schulwiedereröffnung die Freude darüber, dass es nun doch möglich sein dürfte. Während des Projektes erhielt ich unglaublich viele positive Rückmeldungen. Ich habe die Eltern via WhatsApp-Chat jeden Tag mit einigen Fotos und kleinen Nachrichten versucht, an unserem Projekt etwas teilhaben zu lassen. Dafür waren sie sehr dankbar. Die vielen Überraschungen der Eltern haben gezeigt, dass sie voll hinter dem Projekt standen. Einzig die vielen Zeckenbisse (trotz langer Kleidung und vielen Vorsichtsmassnahmen) haben uns Sorgen gemacht – das war auch für mich eigentlich der einzige, wirklich negative Punkt: Im Küttiger Wald hatte es enorm viele Zecken, auch ich bin davon nicht verschont geblieben und einige Kinder haben sie richtig angezogen. Eine gute Aufklärung der Eltern war hier sehr wichtig und es gab so auch keine Probleme.
Nach dem Projekt habe ich ganz viele Dankesbezeugungen von den Eltern erhalten, das hat mich enorm gefreut!!

Hast du die Idee nie bereut? Und falls doch, warum?

Nein, ich habe die Idee wirklich keine Sekunde bereut! Ich war zwar jeweils nach so einem Waldschultag sehr müde, hat man doch keine Minute Pause, trägt ständig die Verantwortung und jeder Tag ist etwas wie eine Schulreise zum Organisieren, aber es war eine sehr geerdete, zufriedene Müdigkeit. Da das Korrigieren von Arbeiten (Selbstkorrekturen) fast weggefallen ist, konnte ich mich auf die angepassten Detailplanungen für den nächsten Tag konzentrieren. Und da die Vorausplanungen ziemlich gut funktioniert und die Begleitpersonen so toll mitgeholfen haben, war es wirklich auch für mich eine total schöne und befriedigende Zeit.

Wie geht es nun weiter? Hast du weitere drei Wochen geplant? Oder kannst du dir vorstellen, 1x pro Woche im Wald zu unterrichten?

Für mich war eigentlich schon nach wenigen Tagen in der Waldschule klar, dass ich dieses «Experiment» im nächsten Jahr mit dieser tollen Klasse unbedingt wiederholen möchte. Selbstverständlich werde ich mir noch genaueres Feedback der Eltern am Elternabend einholen, aber in meinem Kopf bin ich schon wieder etwas am Planen für nächstes Jahr. Da wir dann allerdings vor den Sommerferien auch noch ein Jugendfest haben werden, müssen wir da ev. etwas flexibler sein und das Projekt etwas anpassen. Der Zeitpunkt vor den Sommerferien scheint mir aber wirklich ideal zu sein, aber uns wird schon eine Lösung einfallen, da bin ich absolut zuversichtlich.

Vielen Dank für das Gespräch! - für SILVIVA Andreas Koenig

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Kommentare: 2
  • #1

    Stefanie (Sonntag, 22 November 2020 19:59)

    Vielen Dank für dieses Interview. Sehr spannend zu lesen und macht gleich Lust selber mal sowas auszuprobieren!

  • #2

    Martin Blattner (Montag, 23 November 2020 10:29)

    Das war eine tolle Erfahrung, auch für uns als Forstbetrieb, wir freuen uns aufs nächste Mal!