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Lernen in und mit der Natur in Umbruchzeiten

Nutzen wir die Krise als Chance zum Lernen!? Ganz so einfach ist es – wie immer – nicht. Die Möglichkeit zu reflektieren, ist ein Privileg. Und wenn wir mit neuen Erkenntnissen aus diesen Umbruchzeiten hervorgehen möchten, dann müssen wir uns von alten Annahmen lösen und den Anspruch, wirkungsvolles Lernen nach wissenschaftlich fundierten Kriterien zu gestalten auch dort umsetzen, wo es vielleicht unbequem ist.

Es gibt diesen flapsigen Spruch: Krisen sind immer auch Chancen. Dieser wird zurzeit gerne und oft von Katastrophentheoretikern verwendet, in der griechischen Katharsis-Tradition: im Durchgang durch die Krise kann die ach so böse, schlimme Menschheit sich läutern und zu ihrer wahren Bestimmung finden: Phoenix aus der Asche.

Mit Privilegien verantwortlich umgehen

Ich wäre da vorsichtig. Dieser Spruch ist offensichtlich eine ausnehmende Frechheit all jenen gegenüber, die in dieser Covid-19-Pandemie nicht in komfortablen Büros und Wohnsituationen sitzen, wo sie in selbstbestimmter Distanz sich philosophischen Reflexionen hingeben können, derweil alle Notwendigkeiten des Lebens nach wie vor zugänglich sind: Essen, besten medizinische Versorgung, Strom, Internetverbindung und vieles mehr. Aber, wo bitte soll die Chance für diejenigen in prekären Situationen sein: Armutsbetrofffene, Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen, in Flüchtlingslagern, überfüllten brasilianischen Favelas oder indischen Slums, etc.?

Also, seien wir möglichst differenziert und verfallen wir nicht dem ‘deepity’-Appeal (Daniel Dennett) solcher Sprüche: sie tönen im ersten Augenblick wirklich tiefsinnig, sind es aber bei genauerem Hinschauen deutlich weniger.

Setzen wir die wissenschaftlichen Erkenntnisse auch um?

Dennoch: ich finde, wir können in dieser Situation einiges lernen. Zuallererst, und das sollten wir uns gerade auch in der Bildung zu Herzen nehmen: der Appell von Greta Thunberg und der Fridays for Future-Bewegung, Politik endlich evidenz-basiert und wissenschaftsgeleitet zu gestalten, um den Klimawandel wirkungsvoll bekämpfen zu können, wird endlich gehört, mit den üblichen pathologischen Ausnahmen von Trump bis Bolsanaro: weltweit sind plötzlich sinnvolle, evidenz-gestützte Massnahmen flächendeckend und über Nacht möglich, die eine interessengeleitete Politik nie hingekriegt hätte. Die Frage nun: schaffen wir diesen science-turn auch in der Bildung? Es gibt seit Hattie’s Visible Learning (2008) und in vielen Bildungsbereichen mittlerweile eine reiche Ernte von wirklich evidenz-basierten Einsichten über wirkungsvolles Lernen: wann fangen wir an, diese Ernte einzufahren?


Evidenz-basiert ist oft unbequem

Evidenz-basiert heisst in vielen Fällen: entgegen unseren intuitiven oder gern gehegten etablierten Annahmen. Auch dies zeigt Covid-19 ganz schön. Selbst hartgesottene Umweltbildner, denen Lernen draussen in der Natur das höchste aller Güter ist, müssen ernüchtert feststellen, dass online-Lernen drinnen am Bildschirm überraschend gut funktioniert. Und selbst hartgesottene Technikfreaks, die schon seit Jahren predigen, dass online-Lernen alleine die Welt retten kann, müssen ebenso ernüchtert feststellen: Lernen hat eine ganz zentrale Dimension von persönlicher sozialer Interaktion mittels aller fünf Sinne, die sich digital nicht vollständig zufriedenstellend herstellen lässt.

Neue Wege gehen

Sind wir bereit, als Konsequenz aus der Krise mit mehr Demut, Offenheit, Lernwilligkeit und Fehlerkultur auf unsere Bildungspraxis zu schauen? Ehrlich zu reflektieren, ob wir tatsächlich bestmöglich und wirkungsvoll das Lernen unserer Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen fördern, oder ob wir einfach das machen, wovon wir – ohne das je wirklich überprüft zu haben – schon immer ausgingen, dass es funktioniert?

Falls wir das schaffen, wäre ich tatsächlich gewillt, von einer wahrgenommenen Chance zu sprechen.


Dr. Rolf Jucker, Geschäftsleiter Stiftung SILVIVA


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Kommentare: 1
  • #1

    Nicole Schwery (Dienstag, 05 Mai 2020 08:59)

    Lieber Rolf
    Danke für das Teilen deiner tiefgründigen und kritischen Gedanken. Der Text hat mich begleitet und Fragen aufgeworfen:
    Neue Wege gehen, den bekannten Pfad verlassen, dies siehst du, lieber Rolf, als Chance für eine Veränderung/ Verbesserung an, um evidenzbasierte Erkenntnisse auch endlich in der Bildung umzusetzen. Das sehe ich genauso! Und ebenso teile ich deine Einschätzung, ob eine Krise als Chance zu verstehen ist.
    Der Text hört für mich aber an der spannenden und entscheindenen Stelle auf. Ich frage mich: wie gelingt es jedem einzelnen, aus den gemachten Erfahrungen heraus nun zu lernen? Wer getraut sich, neue Wege zu gehen, v.a. wenn die bekannten Wege gut beschildert sind und die neuen ins Ungewisse führen? Wer getraut sich voranzugehen? Wie schaffen wir es, eine kritische Masse zu bewegen, Neues - evidenzbasiert - auszuprobieren? Hier kann es helfen, gemeinsam zu denken und zu reflektieren, was wirkungsvolles Lernen (in und mit der Natur) sein soll. Diese Chance sollten wir packen!
    Wenn ich an die letzte Netzwerktagung "Draussen unterrichten" vom November 19 zurückdenke, erinnere ich mich an eine grosse Gruppe engagierter Lehrpersonen, die sich trauen, neue Wege zu gehen. Ich könnte mir vorstellen, dass diese Leute ein Thinktank sein könnten um zu hinterfragen, zu diskutieren, ob das aktuelle Bildungsverständnis wirkungsvolles Lernen ermöglicht.
    Warum nicht mit ihnen (und weiteren) auch neue Wege gehen? Vieleicht mit einem neuen Gefäss, z.B. eine "Tagungswanderung"? Gemeinsam unterwegs sein, in Kleingruppen diskutieren, hinterfragen um dann in Pausen in grösseren Gruppen auszutauschen um weiterzuwandern, in neuen Kleingruppen und am Ende an einem neuen Ort anzukommen, vielleicht / hoffentlich mit neuen Erkenntnissen?
    Das meine Gedanken an einem Dienstagmorgen. Mit dem besten Gruss zu euch!
    Nicole