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Auf den Spuren von Geschichten, die Bäume erzählen: eine Reise durch Raum und Zeit

Der Gesang der Bäume

Buchrezension

David G. Haskell: Der Gesang der Bäume. Die verborgenen Netzwerke der Natur. Verlag Antje Kunstmann 2017

 

David Haskell nimmt die Leserinnen und Leser mit auf eine Reise zu einem Dutzend Bäumen auf verschiedenen Kontinenten - von der Wildnis bis zu Metropolen - und zieht Verbindungen von der Urzeit bis heute und von der Biologie bis zu politischen und wirtschaftlichen Bedingungen. Er sucht und findet Geräusche an unerwarteten Orten und schafft damit Ausgangspunkte für weite Betrachtungen und neue Perspektiven.

Der Gesang der Bäume Inhaltsverzeichnis
David G. Haskell
Der Gesang der Bäume Beispielseite

Eine Zusammenstellung an Zitaten soll einen Eindruck von der Sprache, der Breite und Vielfalt des Themas geben.

Geräusche in Worte fassen

Anschaulich, präzise und dicht beschreibt David Haskell die Geräusche von Wäldern und Bäumen. Da geht es um Dialekte von Kiefernnadeln, um Tonalitäten des Regens, um die Leitfähigkeit von Strassenbäumen in Manhattan, um Fossilien genauso wie um lebendige Netzwerke aus Mensch und Wald. Und immer wieder meint man zu hören, was der Autor beschreibt.

„Wir können das Leben nach dem Tod der Bäume mit unserer Sprache nur unzulänglich beschreiben. Fäulnis, Zersetzung, Klaubholz, Waldboden, Totholz – welch triste Wörter für einen derart lebendigen Prozess. Fäulnis heisst neue, reiche Möglichkeiten. Zersetzung völlig neue Lebensgemeinschaften. Klaubholz und Waldboden sind Schmelztiegel, in denen neues Leben entsteht. Und Totholz heisst sprühender Erfindungsreichtum und Erneuerung, mit denen das „Selbst“ ins Netzwerk eingeht.“ (p.115)

„Woanders ruft ein Brillenkauz: Seine tiefen, gummierten Laute schwabbeln wie ein schlecht ausgewuchteter Reifen um eine schiefe Achse.“ (p.33)

„Die unterschiedliche Wahrnehmung, dachte ich erst, könnte von einer unterschiedlichen Disposition herrühren: An Muirs unaufhörliche Ekstasen kommt wohl kaum jemand heran. Doch wie ich später Texten zur Pflanzentaxonomie entnehmen musste, haben Muir und ich unterschiedlichen Gelbkiefer-Dialekten gelauscht. Der Baum ist nämlich äusserst variantenreich. Nicht nur ist sein Harzgeruch von Region zu Region unterschiedlich, sondern auch Form und Festigkeit seiner Zunge. Die Nadeln der Bäume, die ich in den Rocky Mountains gehört habe, sind nur halb so lang wie die der kalifornischen Kiefern von Muir, und durch dickwandige Zellen starr. Sie ähneln eher Drahtbürsten und nicht einem Pferdeschweif, wie am Pazifik.“ (p. 146)


Das Wesen der Tanne ist Beziehung - das Wesen des Lebens Netzwerk

„Die im Hornstein wurzelnde Tanne bildet eine Faser der irdischen Membran. Sie scheint ein Musterbeispiel der Individualität, ihr senkrechter Stamm die Antithese der Vernetzung. Sie ist aus einem einzelnen Embryonen eines einzelnen Samens entstanden und besitzt durch ihren DNA-Code eine unverwechselbare genetische Identität. Wenn ihr Stamm umstürzt, stirbt sie. Sie ist ein biologisches Individuum mit Anfang und Ende. Doch wie bei allen Bäumen ist auch die Individualität der Balsamtanne eine Illusion, die wir nur sehen, weil wir in eine bestimmte Richtung blicken. Die Nadeln und Wurzeln der Tanne sind ein Verbund aus Pflanzen-, Bakterien- und Pilzzellen, ein unentwirrbares Geflecht. Der Tannenembryo wurde durch einen Vogel ausgesät, dessen Federn ein Bakterienfilm sind, dessen Darm eine Mikrobengesellschaft ist und der in einer tradierten Gesellschaft lebt. Und ist der Samen einmal aufgeplatzt und keimt, kann er nur gedeihen, wenn der Sämling nicht irgendwann von einem pflanzenfressenden Elch geschluckt wird, der ihn in seinem vierkämmrigen Verdauungsbrei aus Mikroorganismen verschwinden lässt. Was die Abwesenheit der Elche betrifft, verdankt die Tanne ihr Leben schliesslich den Wölfen, den menschlichen Jägern oder den Moskitos, die die Elche mit Fadenwürmern und Viren infizierten. Das heutige stromatolithische Grün – der Wald, in dem die Balsamtanne steht – ruft zudem seinen eigenen Regen herbei und impft den Himmel ähnlich wie der Amazonasregenwald. Der Duft von Kiefer, Fichte und Tanne vereint sich im chemischen Himmelsgemisch zu Partikeln, an denen Nebel zu Tropfen kondensiert. Kommen dazu noch Staub, Rauch und die Abgase der nordamerikanischen Luft hinzu, fällt ein dünner Regen. Das Wesen der Tanne ist Beziehung. Wenn wir unseren Blick vom Individuum abwenden, sehen wir, dass das Leben offensichtlich nicht nur gut vernetzt ist, sondern selbst ein Netzwerk ist.“ (p. 60-61)

Mensch und Wald gehören untrennbar zusammen

„Der Regenwald ist keine Ansammlung von Einzelwesen, die durch Netzwerke verbunden sind, sondern ein Beziehungsgeflecht. In der Philosophie der Regenwaldbewohner kommt genau das zum Ausdruck. Die Menschen, die seit Jahrhunderten oder Jahrtausenden am Amazonas leben – Waorani, Shuar, Quechua und andere -, betrachten den Wald nicht als etwas biologisch oder physisch „anderes“. Obwohl sich die Kulturen im Regenwald hinsichtlich Sprache, Geschichte und Glauben genauso unterscheiden wie andere auch, eint sie doch eins: Was für die westliche Wissenschaft ein Waldökosystem mit einzelnen Bestandteilen ist, ist für sie ein Ort, an dem sich Geister, Träume und „wache“ Realität mischen. Der Regenwald mit seinen menschlichen Bewohnern ist eine „Vereinigung“, aber ohne einzelne Bestandteile.“ (p. 30 – 31)

„Die rasche Verbreitung der Gemeinen Hasel wurde durch ihre Beliebtheit bei Vögeln und Säugetieren gefördert. Und vielleicht, das ist allerdings umstritten, hat auch der Mensch Haselnüsse über weite Entfernungen transportiert und dann neu ausgesät. In diesem Fall hätte er zu ihrer Verbreitung gen Norden beigetragen. Schottische Funde mit Resten von Holz, Pollen und menschlichen Behausungen belegen, dass Mensch und Hasel ungefähr zur selben Zeit ankamen. Wenn die These stimmt, wäre das Leben der europäischen nördlichen Wälder von Anfang an, seit dem Knirschen der Eiszeit, mit dem des Menschen verknüpft. Dann wären die Wälder zu keinem Zeitpunkt Urwälder, also menschenleere Wildnis gewesen. Und die moderne Waldwirtschaft nur die Fortschreibung einer Beziehung, die so alt ist, wie der Wald selbst.“ (p. 133)


Bäume als Teil von Kultur und Gesellschaft

"Der Mensch ist Teil der Menge. South Platte und Cherry Creek fliessen am Oberlauf durch zahlreiche stehende Gewässer und machen manchen Umweg. In Denver dagegen wird jeder Wassertropfen von den Excel-Tabellen und Verwaltungsplänen der Wasserwerke gelenkt. Wird der Fluss dadurch gezähmt, seine wilde Natur gewissermassen trockengelegt? Nein. Denn die Hand, die die Wasserpläne schreibt, das Papier oder der Bildschirm, auf denen die Zahlen erscheinen, die Ingenieure, die die Staudämme konstruieren, und der South Platte in der Stadt sind genauso wild, natürlich und ein Teil der Welt wie der Oberlauf, der durch das Naturschutzgebiet fliesst. Auch wir sind Natur. Und davon nicht zu trennen.
Alles andere hiesse, dass wir der Welt eine Dualität aufzwingen. Die Landschaft, durch die der South Platte fliesst, ist durch diese Spaltung entstanden. Der Fluss entspringt in einem bergigen Nationalpark mit Wäldern und Wildnis. Viele sehen in dieser Landschaft eine Zuflucht, einen heiligen Hain, in dem man der Natur begegnen kann, oder ein letztes Überbleibsel gefährdeter Ökosysteme. Doch für die indigenen Völker und andere, die umgesiedelt und vertrieben wurden, als man die Naturschutzgebiete schuf, sind diese Landschaften postapokalyptisch." (p. 200)

„Doch die botanischen Unterschiede können durch die Beziehung zwischen Mensch und Baum wieder wettgemacht werden. Die neu gepflanzten Bäume überleben eher, wenn sie in ein menschliches soziales Netzwerk eingebettet sind. Wenn ein Baum von einer menschlichen Nachbarschaft und nicht von einem anonymen Gartenbaubetrieb gepflanzt wird, hat er höhere Überlebenschancen. Wenn der Baum eine Plakette trägt, auf der steht, wie er heisst und was er braucht, Wasser, Mulch, lockere Erde und keinen Müll, steigt seine Überlebenschance schlagartig auf fast hundert Prozent.“ (p.228)

 

Das Wohlgefühl in der Natur ist, aufgrund der amerikanischen Geschichte und der noch immer existierenden Rassenungleichheit, nur einem kleinen Teil der Menschheit vorbehalten. Als älterer weisser Mann habe ich auf Wälder, Flüsse und uniformierte, vielleicht sogar bewaffnete Ranger einen anderen Blick als ein schwarzer Jugendlicher. „Keine Vogelbeobachtung im Hoodie, bloss nicht“, lautet eine der „neun Regeln für schwarze Birdwatcher“ von J. Drew Lanham. (p. 195 – 196)


Menschliches Handeln ist Natur - eine Einladung zum Nachdenken

"Als steinernes Treibgut aus der Vergangenheit erinnert uns der fossile Baumstumpf an das nicht verhandelbare Gesetz der Erde: Was heute ist, ist morgen anders. (…) Gegen die biogeochemischen Veränderungen oder Revolutionen geht keiner auf die Strasse, aber ich habe mit Tausenden vor dem Weissen Haus gestanden und protestiert, weil es zu wenige Massnahmen gegen den menschengemachten Klimawandel gibt. Warum haben wir zu beiden ein anderes Verhältnis? Wenn wir davon überzeugt sind, dass wir alle in ein und derselben Welt leben und wir genauso Teil der Welt sind wie Kiefern und Mammutbäume, womit können wir eine solche Ethik dann begründen? Nehmen wir Darwins Evolutionstheorie ernst, müssen wir uns genau diese Frage stellen. Wenn wir aus demselben Stoff gemacht sind wie alles Leben, wenn sich unser Körper nach denselben Naturgesetzen entwickelt hat, warum macht uns dann ein Klimawandel sorgen, der diesmal von einem anderen natürlichen Vorgang, nämlich das menschliche Handeln hervorgerufen wird? Unser Verhalten wurzelt genauso in der Natur wie die geologischen Kräfte, die das Ende des Eozäns einläuteten, oder das Verhalten von Arten, die die Atmosphäre durch Bauten und Abfälle veränderten. Der Kreislauf von Kalkstein, Sauerstoff, Kohlendioxid, Ozon oder Schwefelgasen wurde vom Leben dauernd verändert, manchmal mit katastrophalen Folgen für die Artenvielfalt der ganzen Erde." (p. 166 – 167)

der Gesang der Bäume Beispielseite
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Fazit

Dies ist kein Buch für eine schnelle oder oberflächliche Lektüre - die Fülle an Bildern, Informationen und die grossen geografischen und zeitlichen Sprünge, die es macht, können sonst zu viel werden. Jedes Kapitel widemt sich einem anderen Baum und einem anderen Aspekt und Thema und kann so gut auch für sich allein gelesen werden.

David G. Haskell: Der Gesang der Bäume. Die verborgenen Netzwerke der Natur.

Verlag Antje Kunstmann, 2017

ISBN 978-3-95614-204-8

Gebunden, 320 Seiten

 


Rahe Wöhrle, Stiftung SILVIVA

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