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Raus – aus dem Wald !?

Wenn der Waldkindergarten nicht mehr in den Wald geht… um ihn zu schützen…

Die Arbeitsgemeinschaft für den Wald (AfW) hat zum Workshop «Schaffen wir einen Waldknigge!» eingeladen. Ganz verschiedene Akteure haben über die Nutzung des Waldes diskutiert und darüber, wie man das Verhalten der verschiedenen Nutzergruppen (über das Gesetz hinaus) regeln könnte.

Die engagierte Diskussion rund um das Thema „Wege“ hat mich auf eine Idee gebracht. Sollen Waldpädagogen zeitweise den Wald meiden, oder sich nur noch auf Wegen bewegen, um die Natur zu schützen?

Ein Waldknigge für alle

Neben einigen Behördenvertretern vom Bund (Bafu), Kantonen und Gemeinden, waren an dem Workshop sowohl Naturschutzorganisationen (WWF, Pro Natura, Birdlife) wie auch Waldeigentümervertreter und Forstunternehmer dabei. Jäger, Wildbiologen und Kletterorganisationen haben Vertretungen geschickt. Und dann ganz viele Vertreter der Gruppe „Erholungsnutzung“: Swiss Cycling, Swiss Orientieering, Pferd und Umwelt, Pilzvereine, … Und natürlich die Umweltbildung mit Lea Menzi (Erbinat, SILVIVA) Tobias Kamer (Erbinat, Drudel 11) und mir (SILVIVA).

Die Teilnehmenden haben verschiedene „Knigge-Themen“ auf ihre Wichtigkeit hin bewertet, ausgewählt und diskutiert. Nach der Auslegeordnung in einer OpenSpace Diskussion am Morgen haben wir nach dem Mittag die drei Themen „Wege“, Nacht“ und „Respekt“ in einem WorldCafé diskutiert.

Das wohl kontroverseste Thema war „Wege“. Es wurde im Prinzip über ein Weggebot verhandelt.

Weggebot: Sinn oder Unsinn?

Als Diskussionsgrundlage diente ein erster Vorschlag aus bereits bestehenden Waldknigges: “Wir schonen Pflanzen und Tiere und benützen primär die Waldwege, insbesondere während der Brut-und Setzzeit der Vögel und des Wildes von März bis Ende Juli.“ Die Begründung war klar: es geht um den Schutz von Tieren und Pflanzen im Wald.
Als Forstingenieur hat mich das zuerst einmal angesprochen. Ich bin für den Schutz „des Waldes“, und ja, wenn da jeder einfach kreuz und quer durch den Wald trampelt ist das nicht gut. Aber sofort habe ich mich selber hinterfragen müssen. Wer muss was genau vor wem schützen? Und warum? Immerhin geht es um eine (sozial) äusserst wichtige und wertvolle Errungenschaft, das freie Betretungsrecht. Und eben, ist es ein Problem? Wenn ja für wen? Und wann, und wo? ...

In der einen Gruppe haben wir auch bemerkt, dass wir alle aus unterschiedlichen Gründen das Gefühl haben, dass wir etwas zum Waldschutz (was immer das heisst) beitragen, aber ebenso aus unterschiedlichen Gründen fast alle dieses Weggebot häufig persönlich missachten. Und dass wir es auch in Zukunft nicht (immer) befolgen würden. Wie heuchlerisch...

Viele wären betroffen

Als Akteur der Wald- und Naturpädagogik bin ich überzeugt, dass ein solches Weggebot nicht sinnvoll ist. Ja, es würde gar ganz viele Vorteile der naturbezogenen Umweltbildung zunichtemachen, wenn nicht sogar den Kern vieler NUB-Angebote.
NUB-Angebote brauchen den freien Zugang, die Teilnehmenden müssen sich auch abseits von Wegen und Pfaden bewegen können.
Viele andere Nutzergruppen hatten ähnliche Bedenken. OL kann z.B. nicht mehr stattfinden, wenn man den Weg nicht verlassen darf, ebenso Pilze suchen oder die Jagd.

Resepekt als Aus-Weg?

Wie bringt man jetzt den Natur- und Wildtierschutz und diese berechtigten Interessen vieler Waldnutzer trotzdem in einer Knigge-Regel unter? Und zwar so, dass sie etwas bringt und akzeptiert wird?
Die Lösung haben wir an einem Tag natürlich nicht gefunden. Da wird weiter diskutiert. Eine Arbeitsvariante wurde im Sinne von „Ich respektiere den Lebensraum Wald“ gesetzt. Dann soll eine Erklärung folgen, warum wir was schützen wollen (Naturschutzgedanke) und dann mögliche Handlungsempfehlungen, wie ich das gut machen kann. Z.B. „Im Wald bewege ich mich wenn immer möglich auf Wegen…“

Auf der Heimfahrt habe ich mir aber zum Themenkreis Wegegebot weitere Gedanken gemacht. Und mich nimmt wunder, was ihr davon haltet?

Was wäre wenn, ...

z.B. ein Waldkindergarten mit dem Naturschutz im Sinne von „die Natur ganz in Ruhe lassen“ richtig ernst machen würde?
Wenn wir im Frühling, zur Brut- und Setzzeit unserem angestammten Waldplatz wirklich eine gewisse Zeit Ruhe gönnen würden und ihn sozusagen den Tieren und den Pflanzen überlassen würden. Bewusst und pädagogisch eingebettet. Und auch mit Kommunikation begleitet...

Während zwei, drei, ... ja sechs Wochen im Frühling gehen wir anstatt zu unserem mitten im Wald etwas versteckten Waldsofa „nur“ zum Waldeingang, oder an eine relativ viel begangene Wegkreuzung, oder an einen öffentlichen Grillplatz, den wir mit den anderen Waldbesuchern teilen (müssen).
Den Kindern erklären wir, dass wir ernst machen mit dem Naturschutz und unseren Platz für eine gewisse Zeit ganz den Tieren und Pflanzen überlassen. Ich denke das wäre pädagogisch extrem wertvoll. Und trotzdem können wir den Wald als Lernraum weiter nutzen.

Weitere Vorteile, die ich sehe:

  • alle anderen Waldnutzer, die Jogger und Biker, die Spaziergänger und Hündeler sehen was wir machen. Wir erklären ihnen (evtl. auf einer von den Kindern gestalteten Tafel) warum wir für diese Zeit hier sind. Und animieren die andern Waldbesucher so, auch über ihr Verhalten nachzudenken.
  • Wir müssen Rücksicht auf die anderen Waldnutzer nehmen, und diese müssen auf uns Acht geben. So lernen wir uns kennen, das fördert das gegenseitige Verständnis.
  • Die Kommunikation an die Eltern wäre gut fürs Image des Kindergartens und auch für sie lehrreich. Auch diese haben einen Anlass, ihr Verhalten und ihren Bezug zur Natur zu überdenken.
  • Die Kommunikation an die Gemeindevertreter hätte genauso positive Einflüsse.
  • Die Jäger wären hocherfreut…, könnte das nicht gerade der Start einer guten Zusammenarbeit werden? Oder wären die Leute vom lokalen Vogelschutz gute Partner?
  • ...

Pädagogisch wertvoll oder Schnapsidee?

Und nun? Ist das nur eine in der Nach-Workshop-Euphorie geborene Schnapsidee, rein theoretisch, aber im Alltag nicht umsetzbar?
Habe ich ganz wichtige Punkte vergessen, die das unmöglich machen?

Und überhaupt, was denkt ihr zu einer Wald-Knigge-Empfehlung, doch im Wald möglichst nur die Wege zu benutzen?

Eure fundierten Meinungen in den Kommentaren oder per Mail würden mich freuen.

Christian

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