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Eine Erfolgsgeschichte für Forst und Bildung: der Waldkindergarten in Bilten

Unterwegs mit Gabriela Wehrli (Kindergärtnerin und Waldpädagogin) und Patrik Rhyner (Förster und Einsatzleiter der Gemeinde Glarus Nord).

Gemeinsam prägten sie vor fünf Jahren die Gründungsphase des Waldkindergartens in Bilten (Gemeinde Glarus Nord) massgeblich. Bei meinem Besuch sehen sich die beiden seit längere Zeit zum ersten mal wieder. Sie begrüssen sich fröhlich und ich merke sofort, die beiden kennen sich und verstehen sich gut. Ausserdem kennen sie auch die Leute und die Strukturen in der Region (Gemeinde Glarus-Nord).
Wie ich lerne: zwei sehr hilfreiche Eigenschaft für die erfolgreiche Zusammenarbeit und ein wichtiger Teil des erfolgreichen Projektes.

Rechnung fördert Transparenz

An der Forststrasse auf dem Weg zum Waldsofa liegt ein Haufen Hackschnitzel. Patrik feixt: „dafür bekommst du dann noch die Rechnung“. Gabriela erwidert im selben Ton, sie werde schauen, ob die Schule das bezahlen will. Die beiden machen sich etwas lustig über die internen Verrechnungsabläufe in der Gemeinde und vor allem über das Unverständnis, das bei der Schulverwaltung zu Beginn des «Experimentes Waldkindergarten» für solche Kosten geherrscht hatte. Sie beide wissen aber ganz genau wie wichtig die Verrechnung für die Transparenz in der Gemeindeverwaltung ist. Und vor allem, wie wichtig das Verständnis der verschiedenen Behördenmitglieder ist.

Im Verhältnis zu den Aufwendungen des Pausenplatzunterhalts sind die Hackschnitzel äusserst günstig. Das gilt für die ganze Infrastruktur des Waldkindergartens. Und die Arbeit und somit der Lohn der Mitarbeitenden bleibt in der Gemeinde. Der Aufwand des Forstdienstes für den Kindergarten ist gering. Patrik rechnet im Schnitt mit zwei bis vier Manntagen pro Jahr seiner Forstwarte für den Waldkindergarten.

Alle lernen beim gemeinsamen Aufbau und Unterhalt der Infrastruktur

Das Waldsofa ist luxuriös. Geräumig, stabil, gedeckt mit einer Plache. Grundsätzlich wurde die Infrastruktur gemeinsam mit den Eltern der zukünftigen Waldkindergärtler bereitgestellt. Da ein paar kleinere Bäume gefällt werden mussten, war das Know-how des Forstdienstdienstes willkommen. Ausserdem hätten die Forstwarte das erste Seil gespannt um die Plache zu montieren. Auch um die Pfähle für das Sofa zu setzen (welches Holz ist witterungsresistent?) waren die Werkzeuge und natürlich die Arbeitskraft der Forstwarte gern gesehen. Ganz ungefragt seien spontan eine ganze Serie praktischer Holzrugelhocker entstanden.

Auch für den Unterhalt bekommt die Kindergärtnerin einmal pro Jahr Unterstützung von den Eltern. Das ist wichtig, weil so die Bindung zum Waldkindergarten grösser wird, findet sie. Patrik doppelt nach: „Und so kommen die Eltern auch mindestens einmal raus in den Wald.“

Der Boden rund um das Sofa sieht erstaunlich stark benutzt aus. Als ich das erwähne bestätigen beide, dass sich das sehr schnell wieder regeneriert. Schon nach den Sommerferien sehe man den Unterschied deutlich. Ausserdem wurde die vom Kindergarten zu nutzende Fläche definiert. Das gibt dem Waldbesitzer Sicherheit. Und der Kindergärtnerin auch, denn die Kinder halten sich an die Regeln.

 

Erfolgsfaktor Kommunikation

Wir setzen uns ins Waldsofa und ich will von meinen Gastgebern wissen, wie es zum Waldkindergarten gekommen ist und wie er bis heute funktioniert.
Die Gründung des Waldkindergartens wurde vor allem von Eltern initiiert, die ihre Kinder in einer privaten Waldspielgruppe hatten. Die Gemeinde Glarus Nord ist gewachsen und die sich abzeichnende Übernahme des neuen Lehrplans21 sowie die Unterstützung im Kanton haben den raschen Aufbau des Waldkindergartens befördert. Aus Erfahrung als Waldspielgruppenleiterin wusste Gabriela dass der beste Weg an den Waldeigentümer zu kommen via den Forstdienst führte. Von seiner Erfahrung mit funktionierenden waldpädagogischen Projekten wusste Patrik (und weitere Fachleute im Forstdienst), welche Vorgaben und Empfehlungen er machen musste. Die positive Grundeinstellung und die offene frühzeitige Kommunikation aller Beteiligten war wohl der wichtigste Erfolgsfaktor.

Fehlt die Nachhaltigkeit?

Auf dem Rückweg ins Dorf kommen wir auf die Zukunft und die Nachhaltigkeit solcher Projekte zu sprechen. Stolz erzählt Gabriela, wie mit der Zeit auch andere Lehrer und Lehrerinnen Interesse am Waldkindergarten bekommen haben. «Die Rückmeldungen der Lehrer aus der ersten Klasse sind positiv, die Kinder können mehr als sie können müssen. Und einmal kamen die Kinder aus der Mittelstufe ‘zu Besuch’ ins Waldsofa. Mit der Hauswirtschaftslehrerin haben alle Kinder gemeinsam über dem Feuer gekocht». Altersübergreifend, themenübergreifend und praktisch in der Natur, das ist gelebte Bildung für Nachhaltige Entwicklung. Zum Thema Nachhaltigkeit in der Bildung fragt sich Patrik wie das denn längerfristig aussieht, die Kinder die im Waldkindergarten waren zeigten sicher einen grösseren Naturbezug und Verständnis für die Waldwirtschaft, aber was passiert ab der ersten Klasse? Und was ist mit all den Kindern, die nicht im Waldkindergarten waren? «Wir bieten zwar immer wieder auch klassische Waldpädagogische Angebote an. Zum Beispiel Waldtage mit der 3./4. Klässlern.» Aber der Aufwand sei enorm und aus der Literatur und Erfahrung wissen wir, dass solche eintägigen Angebote zwar kurzfristig gute Erlebnisse ermöglichen, aber nicht sehr nachhaltig wirken. Aber es lernen immer mehr Lehrerinnen und Lehrer, wie sie Unterricht draussen führen können.

Ich bedanke mich bei Gabriela und Patrik für den aufschlussreichen Einblick in Geschichte die aktuelle Welt des biltener Waldkindergartens und fahre motiviert die Sache der Waldpädagogik voran zu treiben zurück ins Büro.

 

Christian Stocker, SILVIVA

 

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Kommentare: 2
  • #1

    Christian Stocker (Freitag, 11 November 2016 12:17)

    ähnliche Dinge sind anscheinend immer wieder Thema in den Gemeinden, auch in Deutschland.
    http://www.badische-zeitung.de/grenzach-wyhlen/ausschuss-beauftragt-anschaffung-eines-wagens-fuer-den-waldkindergarten--129700218.html (via Infothek Waldkinder https://www.facebook.com/InfothekWaldkinder/)
    Liebe FörsterInnen und WaldkindergärtnerInnen, habt ihr weitere Erfolgsgeschichten zu Waldkindergärten zu berichten? Und wenn ja, was macht den Erfolg aus? Gute Beispiele sollen sich herumsprechen...
    Gruss
    Christian

  • #2

    Christian Stocker (Dienstag, 15 November 2016 17:31)

    noch ein aktueller Artikel aus Deutschland. (wieder wia Infothek Waldkinder :) , danke! )
    http://www.merkur.de/lokales/region-tegernsee/bad-wiessee-ort95312/mitbegruenderin-wiesseer-waldkindergartens-interview-6968538.html

    Mit einem interessanten Apekt zur Pädagogik: "Was macht diese Pädagogik aus?
    Barbara Kohlschmid: Da gibt es ganz viele Ideen. Unsere Kinder, die in einer materialistischen Welt aufwachsen, sind hier einmal ohne Konsum und Spielzeug. Oder sie basteln es sich einfach selbst. ... "

    Und zur Finanzierung: "Ab zwölf oder 13 Kindern trägt sich der Betrieb selbst. Wir hätten aber gerne 15 bis 16 Kinder. Wichtig ist auch eine durchmischte Altersstruktur. Unsere Gruppe wächst kontinuierlich, ich bin mir daher ganz sicher, dass wir ab dem nächsten Frühjahr finanziell auf eine schwarze Null kommen. "

    Gruss
    Christian